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Pferdefuhrwerk & Silofahrzeug

Bis ins 18. Jahrhundert war die Lohnmüllerei die vorherrschende Entlohnungsform der Müller. Der Landwirt, aber auch Bäcker und Händler brachten ihr Getreide zur Mühle, ließen es dort mahlen und nahmen ihr angeliefertes Produkt nun im gemahlenen Zustand unter Abzug der Mahllohn-Menge wieder mit. Damals hatte der Mühlennutzer für die Verpackung zu sorgen. Das Getreide wurde lose auf dem Anhänger oder in offenen hölzernen Kästen angeliefert und als Schrot in den gleichen Behältern wieder zurück genommen. Säcke gab es bis ins 18 Jahrhundert kaum. Auch, weil die verfügbaren Materialien wenig geeignet oder zu teuer waren: Wolle war für Getreide und Mehlsäcke nicht brauchbar, da sie zu instabil und zu durchlässig war, Leinen war zu wenig reißfest und viel zu teuer, um darin Getreide und Mehl zu transportieren. Im letzten Viertel des 18 Jahrhunderts wurde Mehl von den inzwischen oft selbstständigen Müllern meist in Deckelgefäßen aus Holz oder Keramik an die Kunden geliefert.

 

Die Situation änderte sich mit Aufkommen der automatischen Webstühlen ab den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Stoffe, nun auch aus der neuen Faser Baumwolle, die aus den Vereinigten Staaten und Ägypten importiert wurde, wurden sehr viel preiswerter.

Ab den 1860 Jahren wurden schließlich auch Baumwollsäcke zur Verpackung von Mehl eingesetzt. Sie waren teuer in der Anschaffung und wurden daher wiederverwendet. Alte Säcke wurden beim Mehleinkauf zurückgegeben, geprüft, geklopft, geflickt und anschließend neu befüllt. Der Nachteil an solchen „recycelten“ Säcken war, dass Mehlmotteneier in ihnen trotz Klopfen gute Überlebenschancen hatten.

 

Die ersten Mehlsäcke hatten übrigens keine feste Größe. Es gab je nach Kleinstaat in Deutschland unterschiedliche Volumenmaße und daher auch sehr unterschiedliche Sackgrößen. Erst 1868 – mit der Einführung des metrischen Systems durch den norddeutschen Bund – setzte sich der 100-Kilo-Sack allmählich durch. Einer der ersten Mühlenbetriebe, der den 100-Kilo-Sack einführte, war 1869 Georg Plange in Soest, Westfalen. Bereits 1871 stellte er sein Mehl auf der Weltausstellung in Wien darin aus. In den neuen Mehlsäcken aus Baumwolle staken wiederum 40 kleinere Baumwollsäcke zu je 2,5 Kilo. Die Säcke waren sorgfältig zugebunden und plombiert, genauso die kleinen Säckchen. Die ersten deutschen Haushaltspackungen für Mehl waren geboren.

 

So waren die ersten Verpackungen ein probates Mittel, um die bessere Qualität des Mehls herauszustellen und einen höheren Preis zu erzielen. Das so verpackte Soester Mehl wurde von der Kaiserlichen Kommission mit einer goldenen Qualitätsmedaille ausgezeichnet fortan unter dem Namen „Kaisermehl“ vertrieben.

Die 100-Kilo-Säcke setzten sich bis 1898 in ganz Deutschland durch. Nach wie vor bestand ein Preisproblem für die Sackkosten. Die Plange-Mühle blieb bei seinen ständig neuen Säcken, denn sie enthielten keine Mehlmotten-Eier, die Mehle wurden seltener befallen. Außerdem gab es beim Transport weniger Verlust und Verschmutzung, da die neuen Säcke unbeschädigt waren.

Die Mehlsäcke wurden bis in die zwanziger Jahre gerne per Bahn transportiert. In vielen der heutigen großen Mühlen sieht man noch die langen Gebäude mit den vielen Toren im Erdgeschoss. Hier wurden häufig auf drei parallel liegenden Gleisen die Eisenbahnwaggons abgestellt. Jeder Waggon machte seine Türen Richtung Mühle auf. Mit Sackkarren wurden die Waggons gleichzeitig beladen, von der äußersten Reihe nach innen, indem die Ware mit Sachkarren durch die vorderen beiden Waggons gefahren wurde.

Die Mühlen sackten häufig im zweiten Stock ab, ließen die Säcke über Rutschen in den ersten Stock runter, wo sie meist nebeneinander stehend, kaum übereinander stehend zwischengelagert wurden.

Während des ersten Weltkrieges wurde Baumwolle knapp – für die Anfertigung von Mehlsäcken war sie nicht mehr beschaffbar. Georg Plange experimentierte deshalb mit Papier und begann seine Haushaltsmehle in Papiertüten zu verpacken, die dann in die 100-Kilo-Säcke kamen.

Nach dem Krieg folgten Devisenknappheit und Inflation, der Import von Baumwolle oder von fertigen Baumwollsäcken war sehr teuer geworden. Erste Jutesäcke aus Indien wurden stattdessen importiert. Diese waren billiger aber auch geruchsintensiv. Einige Mühlen benutzten sie für Brotmehle. Für Plange waren sie nur für den Transport von Kleie geeignet.

Ab Mitte der zwanziger Jahre bis 1935 gab es dann wieder Baumwollsäcke für den Mehltransport. Danach verfügte der Reichsnährstand, dass für Mehlsäcke Mischgewebe eingesetzt werden sollten. Es gab nur noch sehr kratzige Mehlsäcke aus diversen Fasern von Jute, Flachs, vermutlich auch von recycelten Fasern.

Nach dem 2. Weltkrieg verwendete Georg Plange Baumwolltücher um sein Haushaltmehl abzufüllen. Die Tücher konnten an drei Seiten mit der Schere aufgetrennt, das Mehl entnommen, die Tücher einmal gewaschen werden und man hatte ein sehr ordentliches großes Herren-Taschentuch. Es war der Taschentuchbeutel. Ebenfalls experimentierte der findige Müller in den 50er-Jahren mit Faltschachteln. Er füllte 1 Kilo Mehl in Faltschachteln ab. Jedoch war die Abfüll-Geschwindigkeit der Faltschachtelmaschine zu gering und die Schachtel zu wenig rieseldicht. Er wendete sich wieder der Papiertüte zu. Allerdings verpackte er diese nicht mehr in 100-Kilo-Säcke, sondern in Pappkisten zu 10 Kilo. Der 10-Kilo-Umpack war geboren.

In der Nachkriegszeit entwickelte Georg Plange außerdem den ersten Futtersilotransporter. Da es damals keine Standards für Ausblasschläuche, für Kupplungen und Verschlusskappen für die Müllerei gab, setzte er einfach Feuerwehrstandards für sein Futtersilo sein. Hier waren Löschschläuche, Steigrohre und Verschlusskappen bereits normiert.

Die Idee für die Belieferung der Landwirte entpuppte sich sofort auch als brauchbar für die Belieferung insbesondere von größeren Backbetrieben. Das erste Mehlsilo-Fahrzeug fuhr für Plange bereits ab 1951. Die Standards der Feuerwehr sind heute überall in Deutschland zum Standard für Mehlsilos und Silofahrzeuge geworden.

1958 ging – auch aufgrund der Entwicklung der Silofahrzeuge bei der Plange-Mühle die Zeit der 100-Kilo-Baumwollsäcke für die Bäcker zu Ende. Es folgte der 50-Kilo-Papiersack. Diese Säcke konnten nun nicht mehr stehend gelagert werden, sondern eigentlich nur liegend. Nun wurde gestapelt. Ab 1961 mit Festlegung der Euro-Paletten-Norm auf Europalette, die mit der „Ameise“ oder dem Gabelstapler bewegt wurden. Die 100-Kilo-Säcke wurden aus Mitarbeiter-Schutzgründen 1970 grundsätzlich verboten.

Bereits ab 1964 verpackte der Soester Müller seine Mehle auch in 25-Kilo-Papiersäcke. Anfangs waren alle Papiersäcke über die gesamte Öffnung zugenäht. Ab etwa 1974 gab es Ventilsäcke, die nicht mehr zugenäht werden mussten, sondern über ein Aufsteckventil von der Seite aus befüllt wurden. Die Ventilsäcke wurden in der Plange-Mühle ab 2008 durch automatisch vernähte Säcke mit Aufreißfaden ersetzt. Diese Säcke waren fehlersicherer und wegen des Aufreißfadens praktischer für den Verwender. Es war kein Messer zum Aufschneiden mehr notwendig.

1995 lösten bei Georg Plange die 25-Kilo-Säcke die 50-Kilo-Säcke komplett ab. Auch die 50-Kilo-Säcke wurden wie vor Jahren die 100-Kilo-Säcke 2001 verboten.

Eine weitere Möglichkeit Mehl zu verpacken und zu transportieren sind Big Bags. Plange setzte sie ab 1979 für Spezialprodukte ein. Sie fassen bis zu 1000 Kilo, können von oben befüllt, von unten entleert und mit Gabelstaplern, die in die Schlaufen fassen bewegt werden.

Im Konsumentenbereich ersetzte die Firma ab Mitte der siebziger Jahre den Umkarton aus Pappe für die Haushaltspackungen zunehmend durch Folie. 2x5 Mehltüten wurden neben einander gesetzt, mit einer PE-Folie eingeschlagen und anschließend durch einen elektrisch beheizten Tunnel geführt. Die Hitze ließ die Folie zusammenschrumpfen, so dass sie nun die Mehltüten fest umschloss. Es wurde Verpackungsmaterial und Verpackungsgewicht eingespart.

Heute wird der überwiegende Teil des in Deutschland hergestellten Mehls per Silofahrzeug ausgeliefert. Etwa 5 Prozent des Mehls geht in Form von Kleinpackungen in den Haushalt. Pro Tag verlassen dafür etwa 1.000.000 Kleinpackungen die Deutschen Mühlen, auf das Jahr gerechnet werden etwa 350 Millionen Kleinpackungen hergestellt.

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